15. November 2018

«Wir wollten ein Gerät bauen, mit dem man fliegen kann»

Daniel Schreiber, Lead Engineer bei ti&m

Als einer der ersten Mitarbeiter hat Daniel Schreiber den Standort von ti&m in Frankfurt am Main mit aufgebaut. Über die Mathematik und die Unternehmensberatung kam er zu uns. Im Interview erzählt er, wie er mit Design Thinking fliegen lernte und welche Rolle ein Katapult dabei spielte.

Daniel, wie bist Du in die IT gekommen?

Daniel Schreiber: Auf einem nicht ganz so geradlinigen Weg. Ich habe Mathematik studiert. Im Bachelor habe ich im Nebenfach Informatik studiert, aber nicht mehr im Master. Während des Mathe-Studiums hat man uns gesagt, dass wir danach alles machen können. Mir war jedoch nicht so klar, was ich eigentlich machen wollte, denn Praktika waren in meinem Studiengang nicht nötig. Am Ende stand ich vor der Entscheidung zwischen IT- und Management-Beratung. Ich habe mich dann bei einer Inhouse-Strategieberatung bei einem großen Logistikanbieter beworben. Die Tests waren recht gut, aber der Chef fand mich nicht motiviert genug für eine richtige Anstellung. Schliesslich haben wir uns auf ein Praktikum geeinigt. Am Ende des Praktikums haben sie mir ein Jobangebot gemacht, aber die 60-Stunden-Wochen waren nichts für mich. Daher wechselte ich dann zur IT-Beratung zu NTT Data Deutschland.

Hat es Dir dort Spass gemacht?

Eigentlich schon. Ich habe viel gelernt und konnte mich auch in verschiedenen Rollen bewähren. Auch konnte ich bei recht vielen grossen deutschen Firmen arbeiten, was sehr spannend war. Die Firma ist in dieser Zeit stark gewachsen. Es wurden immer mehr Hierarchien eingezogen. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich etwas Dynamischeres machen will.

«Bei ti&m wird die Software-Entwicklung wertgeschätzt.»

Du warst einer der ersten Mitarbeiter von ti&m in Deutschland. Wie bist Du zu uns gekommen?

Wie so was passiert, ist eigentlich klar. Ich habe meinen Xing-Account auf arbeitssuchend gestellt und dann kamen wenig später schon die Anfragen von Headhuntern herein. Ich habe dann mit einigen Firmen gesprochen und für mich hat sich das ti&m-Konzept gut angehört. Es hat das angesprochen, was ich wichtig fand. Vor allem das Engineer-Driven-Konzept überzeugt mich. Bei anderen Firmen werden Entwickler oft als notwendiges Übel angesehen, da sie nicht wie der Sales Umsatz hereinbringen. Bei ti&m hatte ich dieses Gefühl nicht. Hier wird die Software-Entwicklung wertgeschätzt. Da der Standort komplett neu war, hatte ich auch das Gefühl, schnell etwas bewirken zu können.

Hast Du Deinen Entschluss auch schon einmal bereut?

Ich bin kein Mensch, der bereut. (lacht) Es gibt natürlich immer Sachen, die man verbessern könnte. Letztes Jahr war ich beispielsweise ein Dreivierteljahr in Bern auf einem Projekt als Java-Entwickler. Es war inhaltlich super spannend und ich habe noch nie in einem so gut gemanagten agilen Projekt gearbeitet. Die grosse Distanz und das Pendeln waren aber schon anstrengend. Am Montag musste ich um 5 Uhr auf den Zug und Donnerstagabend konnte ich nach Frankfurt zurück. Am Freitag arbeitete ich dort.

Was hast Du bei der Bank gemacht?

Ich habe ein Dreivierteljahr EU-DSGVO (GDPR) gemacht. Dabei ging es im Wesentlichen nicht um die IT-Umsetzung. Meine Aufgabe war, die Kommunikation zwischen den Akteuren sicherzustellen. Das Projekt ist jetzt fast abgeschlossen und ich bin gespannt, was als Nächstes in der Pipeline auf mich wartet.

Siehst Du Unterschiede zwischen dem Arbeiten in einer deutschen und einer Schweizer Firma?

Am offensichtlichsten ist für mich die Sprachbarriere. Allein schon, dass immer von Offerten geredet wird, irritiert mich. Dieses Wort war in meinem aktiven Wortschatz gar nicht vorhanden. Hier in Deutschland spricht man von Angeboten. Es gibt immer einen leichten Irritationsfaktor, wenn man es hört. Wenn die Leute dann auf Schweizerdeutsch reden, dann wird es schwieriger für mich. Ich bin zwar ein IT-Sprachenexperte, aber kein Menschen-Sprachen-Experte. (lacht) Sonst habe ich auch das Gefühl, dass der Qualitätsanspruch in der Schweiz höher ist. Man dreht eher noch eine Schleife und arbeitet weiter an dem Produkt.

Was machst Du denn?

Im Prinzip stelle ich eine grosse Bandbreite an Skills bereit. Ich kann etwa Java entwickeln, mich über Anwendungsarchitekturen unterhalten und ein sinnvolles Set-up finden. Zusätzlich kann ich auch reine Beratungsmandate übernehmen, wie gerade beim DSGVO-Projekt bei der Bank.

Und was würde ein Lead Engineer machen?

Ich verstehe es so, dass ein Lead Engineer ein kleines Team an Entwicklern anführt. Dafür hatten wir in Frankfurt bisher noch nicht die nötige Grösse und wir können uns nicht so dogmatisch an solche Rollen halten. Eine solche Dogmatik würde auch dem agilen Ansatz widersprechen.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Dir aus?

Es hängt vom Projekt ab. Aktuell sind ungefähr 60 Prozent meiner Arbeitszeit damit belegt, E-Mails über Outlook zu versenden und Arbeitsanweisungen zu geben. Gleichzeitig muss ich der Sparringspartner des Projektmanagers sein, der wiederum noch an die Programmebene rapportieren muss. Zwischen Programm und Projekt gibt es auch öfters einmal Reibungen. Ich muss hier helfen, die Interessen des eigenen Bereichs zu finden, zu formulieren und auch durchzusetzen. Daher ist schon noch ein grosser Anteil an Excel-Arbeit und Powerpoint mit dabei. Dazu kommt noch eine ganze Menge Telefonate mit allen Beteiligten zum Abstimmen.

Auf Deinem Linkedin-Profil habe ich gesehen, dass Du auch schon eine Firma gegründet hast.

Eigentlich sogar zwei. Das ist aber immer neben meinem Beruf oder Studium gelaufen. Die eine Firma heisst Wechselfuchs und ich habe sie mit meinem Bruder zusammen aufgebaut. Die Idee kam ehrlicherweise gesagt von anderen Leuten, die eine Studienarbeit dazu gemacht haben. Wechselfuchs ist eine Plattform, die Konsumenten den Wechsel des Stromanbieters erleichtern soll. In Deutschland ist der Strommarkt liberalisiert und Kunden bekommen in der Regel im ersten Jahr nach dem Wechsel einen Rabatt. Dies führt dazu, dass man den Anbieter eigentlich jedes Jahr wechseln muss, um den günstigsten Preis zu behalten. Viele Leute scheuen diesen Aufwand. Zudem gibt es auch unseriöse Anbieter auf dem Markt. Mit einer automatisierten Plattform wollten wir hier Abhilfe schaffen. Wir vermitteln den Kunden den günstigsten Tarif und bekommen dafür eine kleine Provision. Uns war dieses Bezahlmodell wichtig. Wäre der Dienst für den Kunden kostenlos, dann wäre er das Produkt. Wir wollten es jedoch nicht so machen.

Und warum bist Du jetzt nicht dort als Chef tätig?

Ich bin in gewisser Weise ein Angsthase. Ich hatte nicht den Mut, «all in» zu gehen. Das Projekt war daher eher ein Nebenerwerb für meinen Bruder für das Studium, mehr ist es aktuell nicht.

Und Deine zweite Firma?

Die ist aus dem ersten Projekt entstanden. Für den Wechselfuchs haben wir Podio als ERP genutzt. Wir hatten all unsere Kundendaten dort. Wenn der Dienst ausgefallen wäre, hätten wir alle Daten verloren. Daher brauchten wir ein Back-up. Im Internet habe ich schliesslich ein rudimentäres Back-up-Skript für Podio gefunden. Da ich in den Sommerferien Langeweile hatte, habe ich das Programm ausgebaut und verbessert. Mit dem Programm «Cloud Backup for Podio» bin ich jetzt am Markt. Es läuft eigentlich auch besser als Wechselfuchs. Aber auch hier habe ich nicht den Mut, alles auf eine Karte zu setzen. Denn die Abhängigkeit zu Podio ist zu gross. Sollten sie die API schliessen, wäre das Geschäftsmodell zu Ende.

Du hast ein Menschen-Katapult gebaut. Wie kommt man darauf? Erzähl mir die Geschichte dahinter.

Zunächst muss ich zu meiner Verteidigung sagen, dass es schon fast verjährt ist. Es war vor 6 – 7 Jahren, nach meinem Studium. Ich habe meinen Bruder bei seinem Auslandssemester in Indien besucht und auf der zweiwöchigen Rückreise haben wir uns überlegt, dass wir einmal etwas «Sinnvolles» machen wollen. Unser Ziel war es, ein Gerät zu bauen, mit dem man fliegen kann. Dabei sind wir mit einem Design-Thinking-Ansatz vorgegangen. Zunächst hatten wir uns eine Rampe oder etwas Ähnliches überlegt, was jedoch zu aufwändig und teuer gewesen wäre. Schliesslich sind wir zu dem Schluss gekommen, dass ein Katapult, das am einfachsten baubare Gerät ist, um einen Menschen zum Fliegen zu bringen.

Und dann seid ihr an die Umsetzung gegangen?

Genau. Die nötigen Werte haben wir alle berechnet. Mein Bruder ist Maschinenbauer und er hat sein Wissen mit der Beschleunigung und ähnlichem eingebracht. Danach haben wir mit einer Crowdfunding-Kampagne rund 1000 Euro für das Material eingesammelt. Die Planung lief dann eher nach dem Wasserfall-Modell, da mein Bruder und ich nicht am gleichen Ort wohnten. An einem verlängerten Wochenende haben wir das Katapult bei der Oma im Garten zusammengeschraubt.

Hier geht es zum Video

Bist Du auch selber mit dem Katapult geflogen?

Als Hersteller muss man. Den allerersten Testflug habe ich jedoch an meinen Bruder abgeschoben und ich musste der Zweite sein.

Wie ist das Gefühl?

Es ist schon hart. Inzwischen brauche ich es nicht mehr, wenn ich ehrlich bin. Aber wenn man einen ordentlichen Kick sucht, dann ist es genau das Richtige. Es sind schon extreme Kräfte, die auf einen einwirken. Wir spannen das Katapult mit einer Zugkraft von zwei Tonnen. Es sind schon brutale Kräfte, die auf einen einwirken. Unsere Crowdfunding-Unterstützer haben als Gegenleistung einen Testflug erhalten. Ungefähr die Hälfte wollte jedoch nur zuschauen und nicht fliegen.

«Mein Ziel ist es, immer etwas Sinnvolles zu tun.»

Es sieht schon verdammt gefährlich aus.

Ist es auch. Gleich beim ersten Testflug ist bei meinem Bruder das Trommelfell gerissen, weil er etwas komisch aufgeschlagen ist. Auch muss man sehr vorsichtig beim Gewässer sein, es muss sehr schnell tief abfallen, denn die Person fliegt – je nach Vorspannung und Gewicht – ggf. nur 5 – 6 Meter. Baggerseen sind da ideal.

Und jetzt ist die Maschine eingemottet?

Das Katapult liegt demontiert in einer Garage. Wir haben es auch nur drei Mal aufgebaut. Einmal zur Einweihung, 2 Jahre später eine Wiederholung und später für das japanische Fernsehen. Die Macher einer Show haben unsere Facebook-Seite gesehen und uns angeschrieben. In der Show reiste eine japanische B-Prominente durch Europa und musste einige komische Sachen machen. Darunter war auch ein Flug mit unserem Katapult.

Noch kurz zum Abschluss, was sind Deine Pläne für die Zukunft?

Ich habe keine konkreten grossen Pläne. Mein Ziel ist es, immer etwas Sinnvolles zu tun. Ansonsten hoffe ich, viel Spass zu haben und viele coole Projekte umzusetzen.

 

 

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Christoph Grau
Christoph Grau

Christoph Grau ist seit September 2018 bei ti&m tätig und verantwortet die Medienarbeit. Davor arbeitete er mehr als vier Jahre als Redaktor und später als stellvertretender Chefredaktor bei einem grossen Schweizer IT-Fachmagazin. Er studierte Chinawissenschaften und Geschichte an der Freien Universität Berlin.

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